Homepage Karl-Heinz Gimbel
Startseite     Politisches     Marburg-Bilder     Weltreisen     aktuelle Reise-Bilder     Publikationen
Hirsefeldsteg-Rettungsversuch     Ketzerbach-Homepage     Impressum     Links

Kleine Reihe von Marburg, Band 6:

Der Marburger Kaiser-Wilhelm-Turm





Inhaltsverzeichnis (Konzept)

Vorwort

Kapitel 1
Der Kaiser-Wilhelm-Turm in heutiger Zeit

Kapitel 2
Auf dem Ordenberg wird "Spiegelslust" zum Aussichtspunkt

Kapitel 3
Der "Siegesthurm" stürzte 1876 kurz vor Vollendung durch einen Orkan ein

Kapitel 4
1890 wurde der Kaiser-Wilhelm-Turm auf Spiegelslust fertiggestellt

Kapitel 5
Der Kaiser-Wilhelm-Turm ist bis heute beliebte Ausflugsstätte

Anhang
Literaturverzeichnis und Abbildungsnachweise



Der Aussichtsturm auf Spiegelslust enstand in patriotischer Zeit nach 1870/71. Zuerst wurde ein "Siegesthurm" errichtet. Dieser stürzte 1876 bei einam Orkan ein. Doch zehn Jahre später spendeten die Bürger erneut für einen Gedenkturm an gleicher Stelle. Er wurde "Kaiser-Wilhelm-Turm" genannt. Der Bau wurde 1887 begonnen und am Sedanstag 1890 eingeweiht. Die spannenden Geschichten zur Entstehung des Turmes und die Auseinandersetzungen der damaligen Zeit werden voraussichtlich im Sommer 2012 im Buchhandel erscheinen.



Vorabdruck von Kapitel 4:

1890 wird am Sedantag der "Kaiser-Wilhelm-Turm" eingeweiht

Der fast fertig gestellte "Siegesthurm" war 1876 zusammengestürzt, Nur ein Schuttkegel war von ihm übrig geblieben. Für die Marburger Bürger muss dies ein schockartiges Ereignis gewesen sein. Obwohl es in der Lokalzeitung umgehend Leserbriefe gab, die einen sofortigen Wiederaufbau anmahnten, war wohl der Schwung für die Errichtung eines Aussichtsturmes auf Spiegelslust vorerst dahin. Die Enttäuschung über das Geschehene war riesengroß. Das Desaster führte vorerst zu einer Lähmung.

Im Turmbauverein beriet man zwar einen sofortigen Wiederaufbau. Doch nur wenige Goldmark der eingesammelten Spenden für den auf 15.000 Mark angesetzten Bau waren übrig geblieben. Man stellte alle Einnahmen und Ausgaben zusammen. Am 12. Juli 1879 wurde in einer Generalversammlung des Comités bekannt, dass nur noch ein Restkapital von 3.218 Mark vorhanden sei. Die Aktivitäten wurden daraufhin eingestellt. Schäfer stellte dem Turmbauverein einen Vorschlag zum Neubau zur Verfügung. Doch das Comité stellte die Zusammenarbeit mit Schäfer ein.

Der Wunsch zur Errichtung eines Aussichtsturmes auf Spiegelslust blieb erhalten. Nach der Katastrophe dauerte es sechs Jahre, bis wieder konkrete Planungen für einen neuen Turm in Angriff genommen wurden. Im Juni 1883 trafen sich unter Federführung von Oberbürgermeister Rudolph eine Reihe honoriger Herren zur "Wiederaufnahme der Spiegelslustturmfrage". Einstimmig wurde eine Comité-Bildung be-schlossen. Major von Löwenstein wurde zum Vorsitzenden erwählt. Im Vorstand wurden weiterhin aufgeführt: Stellvertreter: Heilenbeck, Protokollführer: Siebert, Stellvertreter desselben: Misomelius, Kassierer: Ferd. Banz.

Der Vorsitzende wurde autorisiert, von Professor Melde, dem Vorsitzenden des alten Comités, die Akten, Pläne etc. gegen Empfangsver-weis entgegen zu nehmen. Auf ein Anschreiben hin antwortete Melde, dass er die Übertragung "in einer der Sache würdigen und rechtlich entsprechenden Weise" vollzogen sehen wollte. Melde lud per Anzeige in der Oberhessische Zeitung zu einer Generalversammlung des alten "Thurmbau-Comités" am 5. Juli 1883 im Saal des Rathauses ein. Aktionäre und Interessenten sollten auf das neue Comité übertragen werden.

Doch die Sache zerschlug sich. Der Versuch, die beiden Comités, die es in Marburg nun gab, zu einem gemeinsamen Vorgehen zu bringen, waren 1883 offenbar gescheitert. Das neue Comités kam in seiner Arbeit nicht voran. Erst als 1884 Ludwig Schüler Oberbürgermeister in Marburg wurde, änderte sich die Sachlage. Schüler nahm sich der Turmbausache tatkräftig an und ließ sich umgehend von verschiedenen Seiten Zeichnungen und Kostenanschläge kommen. Er verhandelte mit dem Bau-Inspektor Meydenbauer. "Und es sollte dann losgehen", so wie formulierte es ein Leserbriefschreiber in der Oberhessischen Zeitung. Der Briefschreiber bemängelte anschließend, dass Meydenbauer die Stadt verlassen hatte und dadurch erneut eine Verzögerung eintrat. Anschließend stellte er eine Frage zu dem seit Jahren auf Spiegelslust herumliegenden Material: Jedes Jahr ginge dort Material verloren und "vor einigen Jahren lagen auf der Baustelle noch Haufen von großen, guten, behauenen Mauersteinen - und jetzt, wohin sind die Steine gekommen? sind sie verkauft, verwertet oder gestohlen? jeden-falls sieht sie das Publikum nicht mehr."

1885 schrieb Schüler als neuer Comité-Vorsitzender erneut an Melde. Er sollte diejenigen Bürger bezeichnen, welche als Mitglieder des alten Comités zu einer Besprechung eingeladen werden müssten. Schüler erreichte eine Vereinbarung und ihm gelang auch die Übergabe des restlich vorhandenen Kapitals an das neue Comité. Auf zwei Sparbüchern waren Einlagen von 1249 und 2329 Mark, also noch insge-samt 3579 Mark vorhanden. Sie bildeten das Startkapital für die Errichtung einen neuen Turmes auf Spiegelslust. Von dem Namen "Siegesthurm" war man abgerückt. Der neue Turm wurde als "Aussichtsturm auf Spiegelslust" oder kurz als "Spiegelslustturm" bezeichnet.

Man vereinbarte, umgehend wieder Sammlungen durchzuführen. Die erste Unterzeichnerliste umfasste mehr als hundert Bürger. An erster Stelle unterschrieb Oberbürgermeister Schüler. Danach waren verzeichnet Professor Ahlfeld, Banquier Bang, Bäckermeister Schott, Bierbrauereibesitzer Misomelius, Rentner Heylenbach, Sanitätsrath Heusinger und Professor Wegener. Fast alle von ihnen war bereit gewesen, 100 Mark zu spenden. Mehrere weitere Spender zahlten 10 Taler (= dreißig Goldmark).

Im Dezember 1886 schloss der Vorstand des Comités mit dem Kreisbauinspektor Manfred Wentzel und dem Techniker H. Decke eine Vereinbarung zur Planung eines neuen, 36 Meter hohen Aussichtsturmes ab. Als Honorar wurde 1 % von der auf 25.000 Mark veranschlagten Bausumme vereinbart. Ende des Jahres 1886 verabschiedete der Vorstand die "Statuten zum Bau eines Aussichtssturms auf Spiegelslust", eine umfangreiche Zusammenstellung von Vorgaben in 15 Paragrafen auf mehr als zwanzig von Hand geschriebenen Seiten. Die Grün-dungsmitglieder verpflichteten sich zu einem Erstbeitrag von 500 Mark.

Nach Einigung auf die vorgelegten Planungen wurde ein weiteres umfangreiches Papier erarbeitet, welches in weiteren 22 Paragrafen die "Allgemeinen Bedingungen für die Bauausführung und Lieferung bez. Turmbau" umfasste. Man war durch die schlampigen Arbeiten am ersten Turm gewarnt und wollte unbedingt ähnliche Verhältnisse durch ausführliche und eng gefasste Regelungen vermeiden.

Im Mai 1887 legten Bauinspektor Wentzel und Decke dem Comité ihre ausgefertigten Zeichnungen vor. Der Turm sollte auf der auf 371 Meter gelegenen Anhöhe und an gleicher Stelle wie der Vorgängerturm massiv aus festem Mauerwerk errichtet werden und eine Höhe von 36 Metern erreichen. Außen erhielt der unregelmäßige Rundbau mehrere Strebepfeiler, die den Turm stützen und gegen einen erneuten Einsturz schützen sollten. Schießschartenförmige Fenster waren angesetzt bis zu einem oberen viereckigen Abschluss. In diesem Teil war ein Turmraum angesiedelt, auf dem eine zinnenbekrönte Aussichtsplattform aufgesetzt war. Weiterhin war neben dem Turm der Bau eines Gastraums geplant mit anschließender Küche im Fuß des Turmes.

Nach Beschlussfassung in einer Generalversammlung konnte noch im gleichen Jahr mit dem Aufbau des neuen Spiegelslustturmes begon-nen werden. Die Bauerlaubnis wurde am 17. Juni 1887 erteilt, der erste Spatenstich erfolgte am 8. Juli. Als ausführende Firma war das Marburger Bauunternehmen Weishaupt verpflichtet worden.

Die Bürger von Marburg - die Zahl der Einwohner war inzwischen auf 14.520 Einwohner bei 930 Studenten angestiegen - wurden erneut aufgerufen, zum Bau des Turm Geld zu spenden. Und es wurde eifrig eingesammelt. Allerdings geht aus einem Aktenstück hervor, dass es zwischen Professor Melde und dem neuen Comité offenbar zu Unstimmigkeiten gekommen war. Melde - und mit ihm 42 ehemalige Mitstrei-ter zum Bau des "Siegesthurmes" - teilten dem neuen Comité mit, dass sie es ablehnen würden, "Beiträge zu den Kosten das Aufbaues eines Aussichtsturms auf Spiegelslust zu zeichnen". Doch abgesehen von diesen Bürgern, die sich gegenüber der neuen Sache verweiger-ten, unterstützten nahezu alle anderen Bürger den von Neuem geplanten Turmbau.

Spenden wurden durch Sammelbüchsen hereingeholt. Überaus erfolgreich war eine Sammelaktion des Comités durch Aufteilung in eine Listenführung. Offensichtlich mit Hilfe des vor wenigen Jahren zum ersten Mal erschienenen "Marburger Adressbuches" wurden Listen erstellt, in denen alle Haushalte der vier Stadtquartiere verzeichnet waren. Sämtliche Haushalte der Stadt wurden anschließend aufgesucht. Aus den penibel geführten Listen ist ersichtlich, dass in manchen Straßen wie Reitgasse und Bahnhofstraße vollzählig in allen Haushalten Spenden abgegeben wurden. In anderen Straßen stehen bei einigen Namen Bemerkungen wie "nichts", "verreist", "schon früher gegeben und gibt nichts mehr" oder "ist unschlüssig". Sogar der am Renthof wohnende Professor Melde hatte trotz seiner ehemaligen Verweigerung noch eine Spende von 6 Mark für den Turmbau geleistet. Dies war allerdings ein für einen Professor eher kleiner Betrag, die Mehrzahl der Professoren war in den Listen mit Spenden von 100 Mark aufgeführt. Insgesamt weisen die Listen 2.512 Haushalte auf, die Spenden geleis-tet hatten. Ende 1888 ergab sich eine Spendensumme von 13.000 Mark. Der Kostenanschlag für den Turm lag deutlich über 30.000 Mark. Somit blieb noch eine Finanzierungslücke, welche im Jahr 1888 noch nicht abgedeckt werden konnte. Der Bau schritt jedoch immer weiter voran.

Im März kam es zu einem Ereignis, welches die Bürger des gesamten Deutschen Reiches stark bewegte. Kaiser Wilhelm, der allseits hohe Popularität genoss, starb nach kurzer Krankheit am 9. März 1888 im Alter von 90 Jahren. Nach seinem fand im gesamten Deutschen Reich eine Aktion große Aufmerksamkeit, welche sich zum Ziel gesetzt hatte, dem verstorbenen Kaiser und Reichsgründer Denkmäler zu setzen. So erhielt der Magistrat der Stadt Marburg eine Vielzahl von Angeboten von Firmen, welche ein Denkmal in allen möglichen Variationen von Monumenten anboten: Reliefbild, Standbild, Reiterbild usw. Die Kunstanstalt Graf, München, zitierte einen überall verbreiteten Slogan: "Es möge keine Stadt, kein Dorf, kein Flecken ohne Standbild des Kaisers Wilhelm I. bleiben."

Oberbürgermeister Schüler und die Stadt standen unter dem Druck, diesen Wünschen entsprechen zu müssen. Allerdings lagen die Preise der angebotenen Monumente meist im fünfstelligen Bereich. Um nicht den Kraftakt einer weiteren großen Investition leisten zu müssen, war man im Comité offenbar bald auf die rettende Idee gekommen, an Stelle eines anderen Monumentes dem geplanten und bereits begonnenen Aussichtsturm auf Spiegelslust den Namen "Kaiser-Wilhelm-Turm" zu geben. So wurde umgehend am 20. April 1888 - zu dieser Zeit hieß der Deutsche Kaiser noch Friedrich III. - auf einer Generalversammlung des Vereins die Bezeichnung "Kaiser-Wilhelm-Turm" zu Ehren des verstorbenen Reichsgründers als Name für den Turm beschlossen.

Der Bau des Turmes war inzwischen gut vorangeschritten und hatte zum Winter 1889/90 bereits eine Höhe von fast dreißig Metern erreicht. Nun ging es um die Gestaltung und die künstlerischen Arbeiten. Eingelassenen Gedenktafeln sollten an den Sieg von 1870/71 und an die Gefallenen erinnern. An den verstorbenen Kaiser und Namensgeber des Aussichtsturmes musste ebenfalls eine würdige Form zur Ehrung gefunden werden.

Die Sitzung des Comités vom 20. April 1890 weist folgenden Beschluss aus:

"a. auf der der Stadt zugewandten Seite des Thurmes wird in die Brüstung des Umganges 6 m über dem Erdboden eine 2 m lange und 0,70 m hohe Gedenktafel aus feinkörnigem Sandstein, ein Geschenk des Architekten W Dauber eingesetzt und an diese in der Mitte des Reliefbildes der Kaiser Wilhelm I. zu beiden Seiten mit Lorbeer- und Eichenblättern - ebenfalls aus feinem Sandstein gefügt.
b. unter dieser Brüstung sollen drei Tafeln ebenfalls aus feinkörnigem Sandstein und zwar die obere mit der Inschrift "1870/71 starben für Kaiser und Vaterland von Marburger Söhnen", die beiden unteren seitwärts von der Mitte mit je 5 Namen der 10 im Kampf gegen Frankreich gefallenen Soldaten mit einer Umrandung in die Mauer eingelassen werden.

c. Die Fortführung dieser Arbeiten sind dem Bildhauer Schöneseiffer übertragen worden (Preis 500-600 Mark)."

Alle Arbeiten am Turm fanden im Jahr 1890 ihren termingerechten Abschluss. Mit den Feiern zum zwanzigjährigen Sedantages sollten verbunden werden die Einweihung des "Kaiser-Wilhelm-Thurmes" und das Gedächtnis an die im Kriege 1870/71 gefallenen Söhne Mar-burgs. Im Folgenden werden die Gestaltung der Einweihung und der Ablauf des Sedantages ausführlich dargestellt. Die zeitgenössischen Berichte der Lokalpresse sind ungekürzt. Die damalige Schreibweise ist nicht korrigiert. Die Schilderungen vermitteln einen direkten Ein-druck des damaligen patriotischen Befindens der Bürgerschaft.

Am Vorabend, dem 1. September, fand bereits eine Feier auf der Cappler Höhe unter Singen von Vaterlandsliedern statt. Gleichzeitig veranstaltete der Bürger- und Nordverein eine Beleuchtung des Turmes auf Spiegelslust. Diese sollte um 9 Uhr beginnen und durch Böller-schüsse angekündigt werden.

Am 2. September starteten die Feierlichkeiten bereits morgens 6 Uhr mit dem Hornsignal Reveille durch das Musikorchesters des Gymna-siums. Zu dem Weckruf läuteten die Glocken. Danach waren Schulfeiern in allen Schulen angesetzt und eine Kranzniederlegung auf dem Friedhof. Um 1 Uhr mittags kam es zur Aufstellung des Festzuges auf der Ketzerbach. Abmarsch war um 2 Uhr.

Die Aufstellung des Festzuges erfolgte der Leitung des Turnlehrers Schneider wie folgt:
  1. Mädchenschulen:
    a) Bürgermädchenschulen unter Führung ihrer Lehrer und Lehrerinnen,
    b) Höhere Töchterschule,
    c) Freischule,
    d) Israelitische Schule,
    e) Katholische Schule
  2. Knabenschulen,
  3. Realgymnasium,
  4. Gymnasium,
  5. Universität,
  6. Vereine und
  7. Bürgerschaft.

    Den Schluss bildeten die städtischen staatlichen Behörden.
Der Festzug ging unter Vortritt der Musik und Singen einiger Vaterlandslieder von der Ketzerbach durch die Bahnhofstraße und Krummbogenweg zum Turmplatz. Der Beginn der Feier wurde durch Hochziehen der Fahne bekannt gegeben. Daraufhin läuteten alle Glocken der Stadt. Dies war mit den Kirchenvorständen vereinbart worden.

Die Feier, an der neben der gesamten Bürgerschaft auch der Königliche Regierungs-Präsident Rothe teilnahm - der Königliche Ober-Präsident hatte absagen müssen - nahm folgenden Verlauf:

... ...

(die zum Text gehörigen Anmerkungen sind nicht aufgeführt)